Der Stern der Weisen

Eine Betrachtung zum Hochfest der Erscheinung des Herrn / Heilige Drei Könige von Josef Arquer

Betrachtungen zum Kirchenjahr

Von einem Stern geführt tauchen sie aus dem Dunkel auf, suchen und finden ein Kind, huldigen ihm und treten wieder ins Dunkel zurück. Nur diesen Augenblick im Leben dieser Menschen kennen wir, davor und danach ist alles unwichtig.

Die Überlieferung sieht in den Weisen aus dem Morgenland Intellektuelle der damaligen Zeit, vielleicht gelehrte Astronomen oder Angehörige einer mächtigen Priesterkaste, vermutlich im jetzigen Iran.

Das Dunkel um ihre Herkunft hat zu allen Zeiten die bildende Kunst, die Volksfrömmigkeit und die Literatur angeregt. Immer wieder bemächtigen sie sich der geheimnisvollen Gestalten. Der Westen fasst sie als Könige auf. Auch ihre Dreizahl steht nicht im Evangelium, sondern entsteht mit einer gewissen Logik aus den drei Gaben, Gold, Weihrauch und Myrrhe. Später hat man in ihr die drei Lebensalter gesehen und die drei im Altertum bekannten Kontinente.

Dieses Dunkel kann auch unser betendes Nachdenken anregen. Für Menschen, die den nächtlichen Himmels beobachten, ist ein neuer Stern nichts Außergewöhnliches. Aber Dichter und Gläubige, beide aus ihrer eigenen Perspektive, können im Stern ein „Zeichen“ erkennen.

Dem Stern folgen

So dürfen wir annehmen, dass sie innerlich vorbereitet waren für die Aufnahme einer Botschaft, die jenseits des nur Sichtbaren steht. Vielleicht hatten sie von der Verheißung eines Messias, eines Erlösers, für das Volk Israel gehört. Vielleicht spürten sie die innere Unruhe und Not guter Menschen, die etwas vom großen Geheimnis Gottes ahnen und sich nach Reinheit und Erlösung sehnen. So könnten sie ihre tastenden intellektuellen Versuche hinter sich gelassen haben und dem neuen Stern gefolgt sein.

Papst Benedikt deutete dies an, als er 2005 beim Weltjugendtag in Köln sagte: „Warum gingen die Sterndeuter aus fernen Ländern nach Bethlehem? Die Antwort ist mit dem Geheimnis der ‚Sterns' verbunden, den sie ‚aufgehen' sahen und den sie als den Stern des ‚Königs der Juden' identifizierten, das heißt als Zeichen der Geburt des Messias (vgl. Mt 2,2). Ihre Reise war also durch eine Kraft der Hoffnung ausgelöst, die nun im Stern ihre Bestätigung und Wegweisung erhielt – hin zum ‚König der Juden', zum Königtum Gottes selbst. Die Sterndeuter brachen auf, weil sie ein tiefes Sehnen in sich verspürten, das sie drängte, alles zu verlassen und sich auf den Weg zu machen. Es war, als hätten sie diesen Stern schon immer erwartet, als sei diese Reise schon von Ewigkeit her in ihr Schicksal eingeschrieben gewesen und käme jetzt endlich zur Verwirklichung.“

Der Stern wurde zum weisenden Licht auf dem Lebensweg – umso sichtbarer, je finsterer die Umgebung war. Es liegt nahe, in diesem weisenden Stern das Licht des Glaubens zu sehen: „In deinem Licht sehen wir das Licht“ (Ps 36, 10).

Wenn der Stern einmal schwindet

Wir können uns ausmalen, dass die Weisen auf ihrer Reise vom Morgenland in das Land Juda den weisenden Stern über weite Strecken nicht mehr sahen, dass unter der Glut der Sonne schwand und sich hinter den Gipfeln Berge verbarg. Der heilige Josefmaria stellte es sich so vor und ermuntert uns zu zielbewusster Treue auf dem Weg: „Wenn die Berufung das erste ist, wenn der Stern vorausleuchtet, um uns auf unserem Weg der Liebe zu leiten, dann gibt es keinen Grund zu zweifeln, wenn er sich einmal vor uns verbirgt. In unserem inneren Leben wiederholen sich jene Augenblicke – und fast immer sind wir es selbst schuld –, in denen es uns wie den Weisen auf ihrer Reise ergeht: Der Stern verschwindet. Wir wissen zwar schon um den göttlichen Glanz unserer Berufung, und wir sind auch überzeugt von ihrer Endgültigkeit, aber es kann geschehen, dass der Staub, den wir beim Gehen aufwirbeln – unsere Erbärmlichkeiten –, eine trübe Wolke bildet, die das Licht nicht durchdringen lässt.“ (Christus begegnen 34)

Umso größer die Erleichterung, als der Stern, der ja immer da war, nun auch wieder sichtbar wird: „Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großen Freude erfüllt“ (Mt 2,10). Denn er hat sie zum göttlichen Erlöser geführt, den sie nun anbeten, und dem sie in den Gaben ihr Leben schenken, bevor sie den Weg zurück ins Dunkel der Geschichte antreten.