Navarro-Valls: "Wäre ich Deutscher, ich wäre sehr stolz auf diesen Papst!"

Der frühere Pressesprecher des Papstes, Joaquin Navarro-Valls, spricht vor dem Berliner Feldmark-Forum über die Päpste, denen er diente und warum wirkliche Menschen wichtiger sind als virtuelle Medienwelten.

Wir erinnern uns an dieses Bild: Ein schon gebückter Papst Johannes Paul II. geht an der Seite des deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl durch das Brandenburger Tor. Das war sieben Jahre nach dem Fall der Mauer. So lange wollte der Papst warten. Es sollte kein Triumph sein, nur eine Sehnsucht erfüllen.

Durch den danebenliegenden kleineren Torbogen ging der damalige Pressesprecher des Papstes, Joaquin Navarro-Valls: „Johannes Paul wollte extra diese Schritte frei gehen, ohne seinen Stock. Daher mußte ihn der Kanzler stützen“, sagte Navarro am Montag, 9. März, in Berlin. Vor gut 500 Gästen sprach er im Atrium der Deutschen Bank über „Päpste der Moderne“.  Eingeladen hatte das Feldmark-Forum, eine Initiative von Freunden des Opus Dei in Berlin. 

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Über Worte und Bilder ging es an diesem Abend. Denn unsere Worte, unsere Begriffe sind nicht mehr eindeutig, so die erste These Navarros. Das habe Johannes Paul gesehen. Gott, Ewiges Leben, Gewissen, Seele, Ehe, Familie, Sexualität, - die Schlüsselbegriffe menschlicher Existenz sagen nicht mehr allen Menschen dasselbe. Damit fehlt ein gemeinsames Begriffsystem, ein gemeinsames Wörterbuch. 

Dieser Herausforderung hat sich der Philosoph Johannes Paul gestellt. In 14 Rundschreiben versuchte er zu erklären, warum Gott der Bezugspunkt für den Menschen ist. Denn wenn Gott irrelevant ist, wird der Mensch zum Bezugspunkt seiner selbst. Das Ergebnis ist ein großes Fragezeichen. 

Ich muß überzeugt sein 

Daher also die grundsätzliche Begriffsklärung Johannes Pauls. Wobei philosophische Klärung eine Sache, wirkliches Verstehen mit Kopf und Herz eine andere Sache ist. Um wirklich verstehen zu können, muß ich überzeugt sein von der Glaubwürdigkeit dessen, der mit mir spricht. Deswegen sprach der Papst mit den Menschen. Nicht nur zu ihnen.  

„Heiliger Vater, warum reist du so viel woandershin?“ wollte ein römischer Bub bei einem Besuch in einer Vorortpfarre wissen. „Weil die Menschen woanders andere Probleme haben als du!“ war die Antwort. Der Papst war sich bewußt, dass er in den anderen Kulturen präsent sein mußte, um zu verstehen und um verstanden zu werden. 

Nicht jeder liest Enzykliken. Aber die 15. Enzyklika, die habe jeder Mensch jeden Glaubens oder Unglaubens sofort verstanden. Das Leiden des Papstes und die Begegnung des kaum Genesenen mit seinem Attentäter: Das sei, so Navarro, die 15. Enzyklika gewesen.  

Die Kugel wurde gelenkt 

Also wieder ein Bild, das um die Welt geht. Die Botschaft braucht keine Worte: Versöhnung. Ali Agca sei ein kurioser Mensch. Zunächst habe er nicht verstehen können, dass er, ein geübter Schütze, aus dieser kurzen Entfernung den Papst nicht getötet habe. Dann hat er im Gefängnis aus den Zeitungen von Fatima gelesen: Die Jungfrau Maria ist den Seherkindern zuerst an einem 13. Mai erschienen. Als irgendwie gläubiger Muslim macht er sich seinen Reim darauf. Agcas Schluß: Er habe den Papst gar nicht an diesem 13. Mai töten können. Die Vorsehung habe es anders gewollt. Als Agca noch erfährt, dass die Nonne, die ihm in die Quere lief, damit er von den Sicherheitsleuten festgenommen werden konnte, Fatima heißt, ist (auch) er vollends überzeugt: Die Kugel wurde gelenkt. 

Das Bild ist die Botschaft. Die beiden letzten Päpste beweisen, so Navarros zweite These, dass Begriffe nur überkommen, wenn sie visualisiert werden. Wir leben in Bildern.  

Beim Weltjugendtag in Köln kam Papst Benedikt im Köln-Düsseldorfer Dampfer den Rhein hinunter. Hunderttausende Jugendliche standen in mehreren Reihen hintereinander im Wasser und grüßten ihn begeistert. Der Denker Ratzinger blieb nachdenklich: „Das ist die Theologie des Papsttums“, wisperte er einem Bischof  neben sich zu. Als wolle er sagen: Der Beifall kann doch nicht mir gelten. Er gilt Petrus. Er gilt dem Charisma des Papsttums. 

Die öffentlichen Begegnungen zeigen zugleich: Die faktische Wirklichkeit ist eine überzeugendere als die virtuelle. 

Diese Bilder sind die Wirklichkeit. Manche elegant oder rabiat formulierte wortreiche Attacke der virtuellen Medienwelt auf Papst und Kirche kann dagegen nicht bestehen. 

Warum können Bilder eine solche Glaubenshilfe sein? 

Der Christ ist jemand, der so leben soll, dass seine Worte und sein Tun eine Einheit bilden. Mit seinem Leben zeigt er die Wahrheit dessen, was er glaubt. 

Johannes Paul prägte im ausgehenden 20. Jahrhundert einige der stärksten Symbolbilder der Epoche. Er schuf mit seinen Gesten eine Bildsprache. Die transportierte einen Inhalt, der mit Worten allein nicht zu vermitteln gewesen wäre. Wir sehen, wie der Papst durch das Brandenburger Tor geht, wie er mit dem Bischofsstab den Takt beim Weltjugendtag schlägt, wie er vergnügt mitsummt, wie er als kräftiger junger Papst den Indiojungen empor hebt, wie ihm als vom Tod Gezeichnetem an seinem Fenster die Worte wegbleiben - und wie die Fernsehbilder keine Worte mehr brauchen. 

An Kraft, Authentizität und Wirksamkeit übertrafen diese Gesten und Bilder von Papst Johannes Paul II. alle denkbaren Worte. 

Im selben Kontext sieht Navarro die Bilder vom ersten deutschen Papst der Moderne in Auschwitz und Birkenau im Mai 2006. Deswegen ist es für ihn unverständlich, dass jemand Zweifel hegen kann an Benedikts Haltung zum jüdischen Volk und zur unendlichen Tragödie der Shoa. Navarro-Valls wörtlich: „Wäre ich Deutscher, ich wäre sehr stolz auf diesen Papst!“ 

Das Papsttum aktualisieren 

Navarro kam zu seiner dritten These: Johannes Paul II. hat auf eine nie zuvor erlebte Art das Papsttums aktualisiert.   

Und zwar wieder über die Bilder: Der Papst im Kanu, der Papst spielt Fußball. Bis zum Ende zeigte er sich als Mensch, der mit einer großen inneren Freiheit tut, was er liebt und was er für richtig hält. Er spielt keine Rolle. Er sagt das, von dem er meint, dass es ein Papst heute sagen muß. 

Johannes Paul sagte seinem Sprecher einmal, dass „früher die Leute zum Pfarrer kamen. Aber heute muß der Pfarrer zu den Leuten hingehen.“ Damit habe der Papst nicht ein Faktum anerkennen wollen. Er habe es selbst vorgelebt: Alle sieben Sakramente hat der Papst gespendet, jedes Jahr hat er getauft und Beichte gehört. Mit seinen Reisen betrieb er eine Evangelisierung, die die Art der Ausübung des päpstlichen Amtes neu gestaltet hat. An seinem einzigen freien Tag besuchte er regelmäßig die römischen Pfarren.  

Durch sein entschlossenes persönliches Vorbild hat er gezeigt: Der Papst versucht nicht in einer Kirche in Krise zu überleben. Das Papsttum ist vielmehr das Zentrum, von dem die apostolische Sendung der Christen in die ganze Welt ausstrahlt. 

Die Medien: Risiko 

Diese institutionelle Aktualisierung wird besonders deutlich im Umgang des Papstes mit den Medien. Der Papst ging so persönlich und systematisch auf die Journalisten zu wie keiner seiner Vorgänger. Das fing auf seiner ersten Mexiko-Reise 1979 an. Niemand im Flugzeug, weder Journalisten noch Entourage, rechnete damit. Der Papst kam einfach nach vorne und stand Rede und Antwort, in sechs Sprachen. - Als das bei den nächsten Reisen immer häufiger vorkam, versuchten ihn einige Leute seiner Umgebung davon abzubringen: Das Risiko sei doch zu groß bei einem informellen Austausch. Der Hl. Vater ließ sich nicht beirren und blieb bei dieser radikalen Innovation. 

Solche direkten Treffen mit Journalisten erwiesen sich als ein effizientes Mittel, um mit der öffentlichen Meinung in der ganzen Welt zu kommunizieren. Wir hatten - so Navarro-Valls - es also nicht mit einem Papst zu tun, der bei besonderen Gelegenheiten irgend etwas auf Kassette aufzeichnete wie seine Vorgänger. Vielmehr ließ sich der Papst auf die Dialektik des modernen Journalismus ein. Er akzeptierte die Regeln, um seine christlichen Werte zu transportieren.  

Ganz ähnlich haben beide Päpste bei ihren Publikationen gehandelt. Bis dahin hatte ein Papst nur lehramtliche Dokumente geschrieben. Johannes Paul II. und Benedikt schrieben auch Bücher, die an Gläubige und Ungläubige gerichtet waren und die man normal in den Buchhandlungen kaufen konnte.  

Besonders berührt zeigte sich Navarro von Benedikts Bemerkung im Vorwort von „Jesus von Nazareth“: „Dieses Buch ist in keiner Weise ein lehramtlicher Akt, sondern einzig Ausdruck meines persönlichen Suchens nach dem ´Angesicht des Herrn´ (vgl. Ps 27,8).“ 

Noch kein Ende 

Natürlich war mit diesem analytischen Vortrag der Abend noch nicht zu Ende. Ob er denn der einzige sei, der nichts von den Vorgängen der letzten Wochen gehört habe, wollte ein Zuhörer wissen: „Nun sagen sie uns doch bitte, wie wir in unserer Umgebung die Kirche verteidigen können!“  

Navarro antwortete so ernst wie unerwartet: „Beten wir hier wirklich viel für den Papst?“ Zudem gelte: „Es gibt Momente, in denen man mit bestimmten Informationen der Medien kritisch umgehen muß.“ Im übrigen sehe er die Situation nicht so dramatisch. 

Dazu paßte jene Frage des Abends: „In welchem Land versteht man am besten, dass die Katholische Kirche eine Weltkirche ist?“ - Antwort: „Mich haben die Menschen in Guinea-Bissau beeindruckt. Sie gingen davon aus, dass der Papst eine Wirklichkeit vertritt, die sie selbst übersteigt. Die Gemeinschaft der Heiligen dort existiert!“.

  • von Hartwig Bouillon