Selig die Barmherzigen

„Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.“ So lautet eine der acht Seligpreisungen der Bergpredigt. Sie scheint sich auf den ersten Blick wie von selbst zu erschließen. Man muss ganz einfach nur barmherzig sein, könnte man denken. Eine Betrachtung von Volker Hildebrandt

Betrachtungen zum Kirchenjahr

Es muss einfach einer damit anfangen, uneingeschränkt in lauterer Barmherzigkeit zu leben und zu handeln. Dann müsste er doch einen Welt verändernden Prozess damit in Gang setzen. Er verwandelt die Welt in einem ersten kleinen Schritt, gewinnt auf diese Weise andere Menschen dazu, und nach und nach wird so die ganze Welt immer barmherziger. Am Ende würde man auch selber zunehmend Erbarmen von den Anderen erfahren und auf diese Weise selig werden. Ein Fünkchen Wahrheit ist schon daran; aber leider auch nur ein Fünkchen; denn ganz so einfach geht es nicht.

Das Matthäus-Evangelium (18,23-35) erzählt von einem Knecht, dem sein Herr eine große Schuld erlassen hat: zehntausend Talente; eine unvorstellbare Summe. Überraschender Weise bleibt der Knecht von dem Schuldenerlass innerlich völlig unberührt. Unmittelbar im Anschluss an die ihm zuteil gewordene Barmherzigkeit fordert er kalt und gnadenlos von einem anderen Mitknecht die lächerliche Summe von 100 Denaren zurück, die dieser ihm schuldet.

Um eine Vorstellung von den Größenordnungen zu bekommen: 10.000 Talente entsprechen etwa 120 Millionen Denaren. Diese unvorstellbare Summe ist ihm erlassen worden! Dennoch besteht er rücksichtslos auf der lächerlichen Summe von 100 Denaren, die ihm ein anderer schuldet!

Das Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht hält ein Stück Lebenserfahrung fest, die wohl schon jeder gemacht hat. Im Vertrauen auf die verändernde Kraft von Barmherzigkeit, von Nachsicht und Vergebung haben wir den ersten Schritt gewagt und gehofft, auf diesem Weg beim anderen eine Veränderung hervorrufen zu können. Aber diese Rechnung ist nicht immer aufgegangen. Wir standen dann als der oder die Dumme da! Aus dem Vorschuss an Vertrauen haben wir nur Enttäuschungen geerntet und am Ende nichts erreicht.

Das ist Gott sei Dank nicht immer so. Aber es zeigt, dass die Barmherzigen ganz so einfach nicht Erbarmen finden und am Ende selig werden.

„Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.“ Sollten wir diese Seligpreisung deshalb eher auf Gott beziehen? Man könnte sie dann so verstehen: Wer anderen gegenüber barmherzig ist, wird jedenfalls bei Gott Erbarmen finden; ganz unabhängig davon, wie die anderen darauf reagieren.

Diese Erklärung klingt einigermaßen sinnvoll. Sie entpuppt sich aber als Trojaner, weil sie Gottes Erbarmen gewissermaßen als Lohn und Entgelt, als Verdienst und Bezahlung für unsere Barmherzigkeit hinstellt: Ich gebe, damit du gibst. Genauer: Ich gebe anderen, damit Du, Gott, mir gibst.

Das kann aber nicht sein, denn Gottes Erbarmen ist nicht käuflich. Von einem Gott, der sich von uns bezahlen ließe, wäre nicht viel zu erwarten. So ein Gott hätte ja selber nicht genug. Dann könnte er uns auch nicht in Überfülle geben, das heißt uns selig machen.

Der Zugang durch die Bibel

Suchen wir also nach einem weiteren Zugang zu dieser Seligpreisung, der verlässlicher ist als unser eigenes Überlegen. Wirklich Verlass ist auf die Bibel, die Heilige Schrift, das Wort Gottes. – Wir sollten die Bibel öfter zur Hand nehmen. Sie lässt uns bislang verborgene Zusammenhänge entdecken, die unser Leben verändern.

Schauen wir uns also zunächst einmal das Wort „Barmherzigkeit“ näher an: Welche Bedeutung hat es in der Bibel? ... Wovon spricht die Bibel eigentlich? Was genau meint sie, wenn sie jemanden einen „Barmherzigen“ nennt? Im Hebräisch der Bibel gibt es zwei verschiedene Worte, die gewöhnlich mit „Barmherzigkeit“ übersetzt werden.

Das erste lautet „Rahamim“, das wörtlich soviel wie „Bauch der Barmherzigkeit“ bedeutet. Es bezeichnet die Art und Weise, wie jemand für einen anderen empfindet, das Gefühl der Zuneigung, das Gefühl des Mitleids. Damit bezeichnet „Rahamim“, was im deutschen Wort Barmherzigkeit wohl auch mitgemeint ist, ohne dass es jedoch ausdrücklich artikuliert wird, nämlich: von der Schwachheit des anderen berührt zu sein, mit zu leiden an seinem Unglück und engagiert darauf zu reagieren. Das hebräische „Rahamim“ setzt also die Inanspruchnahme des ganzen Menschen „durch sein Inneres hindurch“ ausdrücklich ins Wort: die Inanspruchnahme mit Herz und Verstand, die zu einer Antwort im konkreten Handeln führt.

Interessant ist nun, dass das Alte wie das Neue Testament diese Haltung auch Gott zuschreibt: Gott liebt seinen Sohn Efraim „durch sein Inneres“ hindurch, können wir etwa beim Propheten Jeremia nachlesen (vgl. Jer 31,20). Und das Neue Testament prophezeit das Kommen des Messias – wörtlich – „durch das Innere der Barmherzigkeit unseres Gottes“ (vgl. Lk 1,78). Damit wird die Größe und Intensität des göttlichen Erbarmens veranschaulicht.

Das zweite hebräische Wort, das gewöhnlich mit Barmherzigkeit übersetzt wird, lautet „Hesed“. Es meint Zärtlichkeit und Treue gegenüber dem anderen, die aus einer freien Entscheidung kommen und so den ganzen Menschen verpflichten. „Hesed“ ist echte Liebe und damit „Barmherzigkeit“ in gegenseitiger Annahme und Hingabe. Das Wort schließt eine egoistische, mehr an sich selber als an den anderen denkende Verbindung, die flüchtiger Leidenschaft und nicht freier Entscheidung entstammt, eindeutig aus.

Der biblische Begriff Barmherzigkeit erhält durch diese beiden Worte eine unauslotbare Tiefe und umschließt in einem die Bedeutung von Liebe, Zärtlichkeit, Treue, Einsatz, Güte, Milde, Mitgefühl, Nachsicht und Mitleid.

Barmherzigkeit ist nur von Gott her zu verstehen

Wir Menschen können diese Verhaltensweisen nie alle zugleich an den Tag legen, sondern höchstens einzeln praktizieren; und dazu immer nur unvollkommen. Dagegen schreibt sie die Bibel Gott alle zugleich zu.

Damit will die Heilige Schrift in einem Zug auch motivieren, diese Verhaltensweisen bis zu einer gewissen Vollendung zu üben. Hauptsächlich aber will die Bibel sagen: Das fruchtbare Zusammenwirken aller guten Verhaltensweisen ist nur von Gott her zu verstehen. Der Mensch ist „nach Gottes Abbild“ geschaffen, heißt es im Buch Genesis. Deshalb kann der Mensch sich in seiner Tiefe nur von Gott her verstehen. Aus diesem Grund öffnet sich Gott und offenbart sein Wesen: Durch sein Heiliges Wort und durch die Kirche, der er es anvertraut hat.

Wollen wir Gott kennenlernen, müssen wir Bibel lesen und in die Kirche gehen. So lernt man, von Angesicht zu Angesicht auf ihn zu schauen und richtig zu beten. Wollen wir barmherzig sein, dann geht das ebenfalls nur vom Gebet her. Schauen wir anbetend auf die Barmherzigkeit Gottes, werden auch wir barmherzig und in die Fülle der Seligpreisung hineinverwandelt: „Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.“

Gottes Barmherzigkeit im Zeugnis der Bibel

Befragen wir noch einmal in die Bibel. Was sagt sie über die Barmherzigkeit Gottes? Zuerst einmal: Sie ist ewig. Lange, bevor wir ihrer bedurften, hat Gott uns schon mit seiner liebenden Barmherzigkeit umfangen: „Mit ewiger Liebe habe ich geliebt“, heißt es beim Propheten Jeremia (31,3). Und Paulus schreibt den Ephesern (1,4): Gott hat uns schon „vor der Erschaffung der Welt erwählt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott. Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden.“

Heilig und untadelig als Kinder Gottes leben: Das ist nur möglich wenn Gott überaus barmherzig mit uns ist. Denn natürlich weiß auch Gott, wie es der 103. Psalm umschreibt, „was wir für Gebilde sind; er denkt daran: Wir sind nur Staub. Des Menschen Tage sind wie Gras, er blüht wie die Blume des Feldes. Fährt der Wind darüber, ist sie dahin; der Ort, wo sie stand, weiß von ihr nichts mehr. Doch die Huld des Herrn währt immer und ewig.“

Des weiteren ist Gottes Barmherzigkeit „langmütig und reich an Treue“. Der Prophet Jeremia vergleicht die Untreu Israels dem Gott IHWH gegenüber mit einer Ehefrau, die ihren Mann verlassen hat und nun als Dirne das Land entweiht: „Blick hin und schau zu den Höhen hinauf! Wo hast du dich nicht schänden lassen?“ Dennoch dachte Gott: „Nachdem sie dies alles getan hat, wird sie schließlich zu mir zurückkehren.“ Aber sie kehrte nicht zurück. Stattdessen begab sich „die Abtrünnige auf jeden hohen Berg und unter jeden üppigen Baum und trieb dort Unzucht.“ Gott aber bleibt treu: „Wenn du umkehren willst, Israel – Spruch des Herrn –, darfst du zu mir zurückkehren; wenn du deine Gräuel entfernst, brauchst du vor mir nicht zu fliehen.“

Noch dramatischer geht es bei Hosea zu (11,3ff): Gott ist immer wie ein Vater zu Efraim gewesen. Doch Efraim und sein Volk haben dies verdrängt und ziehen mordend über das Land: „Ich war es, der Efraim gehen lehrte, ich nahm ihn auf meine Arme. Sie aber haben nicht erkannt, dass ich sie heilen wollte. Mit menschlichen Fesseln zog ich sie an mich, mit den Ketten der Liebe. Ich war da für sie wie die (Eltern), die den Säugling an ihre Wangen heben. Ich neigte mich ihm zu und gab ihm zu essen. Doch sie haben sich geweigert umzukehren.“ Dennoch bleibt Gott treu: „Wie könnte ich dich preisgeben, Efraim, wie dich aufgeben, Israel?“

Gottes Barmherzigkeit ist so groß, dass Gott gar sagen muss: „Mein (eigenes) Herz wendet sich gegen mich, ... (denn) mein Mitleid lodert auf. ... Ich will meinen glühenden Zorn nicht vollstrecken und Efraim nicht noch einmal vernichten. Denn ich bin Gott, nicht ein Mensch, der Heilige in deiner Mitte.“ Dazu schreibt Papst Benedikt XVI. in seinem neuen Jesus-Buch: „Weil Gott Gott ist, der Heilige, handelt er so, wie kein Mensch handeln könnte. Gott hat ein Herz, und dieses Herz wendet sich sozusagen gegen ihn selbst. ... Gottes Herz verwandelt (so) den Zorn und wendet Strafe in Vergebung.“ (S. 247)

Gottes endgültige Barmherzigkeit am Kreuz

Gottes Barmherzigkeit mit uns Menschen kommt am Kreuz zur Vollendung, wo Gottes Sohn die unsägliche Gewalt und den widersinnigen Hass, die sich über ihn entladen, von „innen her annimmt, und in eine Tat der Liebe verwandelt“. Eine größere und endgültigere Barmherzigkeit ist nicht denkbar.

Papst Benedikt hat das 2005 auf dem Marienfeld bei Köln weiter ausgeführt: „Was von außen her brutale Gewalt ist, wird von innen her ein Akt der Liebe, die sich selber schenkt, ganz und gar.“ Diese Verwandlung, die im schon im Abendmahlssaal geschah, hat einen Prozess ausgelöst, „dessen letztes Ziel die Verwandlung der Welt dahin ist, dass Gott alles in allem sei“ (vgl. 1 Kor 15, 28).

Damit hat der Papst eine der großen Sehnsüchte der Menschheit auf den Punkt gebracht: „Alle Menschen warten immer schon irgendwie in ihrem Herzen auf eine Veränderung und Verwandlung der Welt. ... Dies nun ist der zentrale Verwandlungsakt, der allein wirklich die Welt erneuern kann: Gewalt wird in Liebe umgewandelt und so Tod in Leben. ... Alle anderen Veränderungen bleiben oberflächlich und retten nicht. Darum sprechen wir von Erlösung: Das zuinnerst Notwendige ist geschehen, und wir können in diesen Vorgang hineintreten.“

Man wird barmherzig, wenn man sich bekehrt, wenn man sich hineinnehmen lässt, in diesen zentralen Verwandlungsakt, besonders während der Heiligen Messe.

Man wird barmherzig, wenn man sich Gott zuwendet und so seine Treue im Erbarmen entdeckt.

Man wird barmherzig, wenn man das Glück zulässt, von Gott zuerst geliebt zu werden.