Den Charakter bilden

Reif werden bedeutet, sein Leben selbst in die Hand nehmen, sich ehrlich vor Gott fragen, was an der eigenen Person zu verbessern ist. Erst dann beginnt der Kampf um die Tugenden, als persönliche Bemühung, aber vor allem mit Gottes Hilfe.

Persönlichkeitsbildung
Opus Dei - Den Charakter bilden

„Als sich Jesus wieder auf den Weg machte, lief ein Mann auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“[1] Als Jünger des Herrn sind wir in diesem Augenblick mit dabei und wundern uns vielleicht über die Antwort: „Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen.“[2] Jesus gibt keine direkte Antwort. Mit sanfter göttlicher Pädagogik möchte er diesen jungen Mann zum Sinn seines Strebens hinführen: „Jesus zeigt, dass die Frage des jungen Mannes in der Tat eine religiöse Frage ist und dass das Gute, das den Menschen anzieht und zugleich verpflichtet, seine Quelle in Gott hat, ja Gott selber ist. Er, der allein würdig ist, »mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit allen Gedanken« (Mt 22, 37) geliebt zu werden“[3].

Wenn du das Leben erlangen willst

Der Herr bezieht sich sogleich auf die Worte der mutigen Frage: Was muss ich tun? „Wenn du das Leben erlangen willst, halte die Gebote“[4]. Die Evangelisten stellen den jungen Mann als frommen Juden dar, der sich mit dieser Antwort hätte zufrieden geben können. Der Meister hat ihn in seiner Überzeugung bestärkt; denn er verwies ihn auf die Gebote, die er von Jugend an gehalten hat.[5] Aber er möchte sie aus dem Mund dieses neuen Rabbi vernehmen, der mit Autorität lehrt. Er ahnt – und täuscht sich darin nicht –, dass dieser ihm ungeahnte Horizonte eröffnen kann. „Welche?“[6], fragt er. Jesus erinnert ihn an die Pflichten dem Nächsten gegenüber: „Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen. Ehre Vater und Mutter. Und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“[7]. Es sind die Gebote der so genannten zweiten Tafel, die „das Wohl der menschlichen Person, dem Ebenbild Gottes, schützen auf der Ebene der vielfältigen Güter[8]. Sie bilden die erste Etappe auf dem Weg zur Freiheit, sind aber noch nicht die vollkommene Freiheit, wie der hl. Augustinus sagt[9] . Anders ausgedrückt: Sie sind der Beginn des Weges der Liebe, aber noch nicht die reife Liebe in ihrer Vollendung.

Was fehlt mir noch?

Der junge Mann kennt diese Vorschriften und lebt nach ihnen, aber in seinem Inneren verlangt er nach mehr. Es muss noch mehr geben – so denkt er –, das er tun kann. Jesus liest in seinem Herzen: „Da sah ihn Jesus liebevoll an[10] und stellte ihn ohne Umschweife vor die Herausforderung seines Lebens: „Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben. Dann komm und folge mir nach![11]. Damit hat Christus diesen Mann mit seinem Gewissen konfrontiert, mit seiner Freiheit und mit seinem Wunsch, besser zu werden. Wir wissen nicht, inwieweit er den Vorschlag des Meisters verstanden hat, auch wenn es aufgrund seiner Frage – „Was fehlt mir noch?“ – so scheint, als habe er noch weitere Dinge erwartet, die er tun soll. Er ist voller Bereitschaft, obwohl er vermutlich noch nicht begriffen hat, dass der Sinn der Gebote des Herrn verinnerlicht werden muss.

Das Leben, zu dem Gott ruft, besteht nicht bloß darin, Gutes zu tun, sondern, «gut zu sein», die Tugenden zu leben. Wie unser Vater oft präzisierte[12], genügt es nicht, gutmütig zu sein, sondern rechtschaffen, in Übereinstimmung mit dem riesigen Panorama des „nur Einer ist gut[13], das Jesus uns eröffnet.

Als Christ reif werden bedeutet, unser Leben selbst in die Hand zu nehmen und uns ehrlich vor Gott zu fragen, was uns noch fehlt. Diese Reife treibt uns an, aus dem bequemen Schutzraum dessen herauszutreten, der das Gesetz nur erfüllt, um entdecken zu können, dass es darum geht, Jesus trotz persönlicher Schwächen zu folgen. Erst dann lassen wir zu, dass seine Lehren unser Denken und Fühlen verwandeln und erfahren, dass unser Herz, das vorher klein und ängstlich war, weiter wird durch die Freiheit, die Gott hineingelegt hat: „Ich gehe auf dem Weg deiner Gebote; denn du hast mein Herz weit gemacht“[14].

Die Herausforderung der Gewissensbildung

Der junge Mann hatte nicht erwartet, dass “das, was ihm noch fehlte” darin bestand, sein Leben Gott und den anderen Menschen hinzugeben und auf diese Weise die Sicherheit des „Erfüllens” zu verlieren. Und so ging er traurig davon, wie es jedem ergeht, der nur seinen eigenen Plan verfolgen will, anstatt sich von Gott führen und überraschen zu lassen. Gott hat uns berufen, mit seiner Freiheit zu leben –„hac libertate nos Christus liberavit[15] – und im Grunde gibt sich unser Herz nicht mit weniger zufrieden.

Innerlich reifen bedeutet zu lernen, mit hohen Idealen zu leben. Es geht nicht nur darum, Gebote und Vorschriften zu kennen oder eine immer detailliertere Erkenntnis der Auswirkungen unserer Handlungen zu gewinnen. Die Entscheidung, gut zu sein – letztlich heilig –, bedeutet, Christus gleichförmig zu werden und dadurch die Motive für den von ihm vorgeschlagenen Lebensstil zu entdecken. Sie schließt daher ein, den Sinn der moralischen Normen zu begreifen, die uns zeigen, welche Güter wir anstreben und wie wir uns verhalten sollen, um zum Leben in Fülle zu gelangen. Das wiederum erreichen wir, wenn wir die christlichen Tugenden in unsere Seinsweise integrieren.

Die Grundpfeiler des Charakters

Das Wissen um die moralischen Normen ist weder bloße Theorie noch einfach eine Technik. Vielmehr erfordert die Gewissensbildung eine Stärkung des Charakters, die sich auf die Tugenden als ihre Grundpfeiler stützt. Diese bilden die Grundlagen der Persönlichkeit, stärken sie und verleihen ihr Stabilität und Harmonie. Sie befähigen uns, aus uns herauszugehen, den Fokus des Interesses auf etwas außerhalb unserer selbst zu richten, nämlich auf Gott und die anderen Menschen. Der reife Mensch besitzt eine Mitte, hält das richtige Maß, ist geradlinig, integer, aus einem Guss. Wem es hingegen an Tugenden mangelt, der wird schwerlich in der Lage sein, großherzige Pläne durchzuführen oder große Ideale zu verwirklichen. Sein Leben wird eher improvisiert sein und von häufigen Kurswechseln bedroht, was dazu führt, dass er nicht vertrauenswürdig ist, nicht einmal in seinen eigenen Augen.

In den Tugenden wachsen heißt auch in innerer Freiheit wachsen. Tugend ist nicht zu verwechseln mit Gewohnheit oder Routine. Damit sich eine gute Gewohnheit entwickelt, damit sie in uns Wurzeln schlägt und uns mit Leichtigkeit das Gute tun lässt, genügt nicht eine einmalige Handlung. Die häufige Wiederholung trägt zur Ausbildung von Gewohnheiten bei. Wir werden gute Menschen, weil wir immer wieder aktuell gut sind. Wenn wir uns zum Beispiel wiederholt entscheiden, uns um eine bestimmte Uhrzeit an den Schreibtisch zu setzen, um zu lernen, fällt es uns bereits beim zweiten Mal leichter als beim ersten, und beim dritten leichter als das Mal zuvor. Aber man muss beharrlich bei der Entscheidung bleiben, damit das regelmäßige Studium schließlich zu einer guten Gewohnheit wird. Andernfalls geht diese wieder verloren.

Innere Erneuerung

Die menschlichen und übernatürlichen Tugenden richten uns auf das Gute aus, auf das, was unser Sehnen erfüllt. Sie helfen uns, das wahre Glück zu erlangen, das darin besteht, uns mit Gott zu vereinigen. „Das ist das ewige Leben: Dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den Du gesandt hast[16]. Sie machen es uns leicht, nach den Geboten zu handeln, die dann nicht mehr nur als zu erfüllende Richtlinien gesehen werden, sondern als Weg zur christlichen Vollkommenheit, zur Vereinigung mit Christus nach Art der Seligpreisungen. Diese sind der Spiegel seines Angesichtes, sie « reden von inneren Haltungen und existentiellen Grundeinstellungen[17], die zum ewigen Leben führen.

So öffnet sich ein Weg des Wachstums im christlichen Leben entsprechend den Worten des hl. Paulus: Wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist[18]. Die Gnade ändert die Art, die Ereignisse zu beurteilen und gibt uns neue Handlungskriterien. Nach und nach lernen wir, unsere Sichtweise dem Willen Gottes anzupassen, der sich auch im Naturrecht äußert, sodass wir das Gute, das heiligmäßige Leben, lieben und Geschmack finden an dem, „was gut, angenehm und vollkommen ist[19]. Es entsteht eine moralische und affektive Reife christlicher Prägung, die uns lieben lässt, was wirklich edel, wahrhaftig, gerecht und schön ist, und zurückweist, was Sünde ist und die Würde eines Kindes Gottes verletzt.

Dieser Weg führt uns, wie der hl. Josefmaria sagte, zu „eigener Urteilsfähigkeit[20]. Was sind die Merkmale dieser klaren Sichtweise? Er selbst erläuterte es zu einem anderen Zeitpunkt: „Eigene Urteilsfähigkeit setzt Reife voraus, feste Überzeugungen, gute Kenntnisse der Lehre, inneres Feingefühl, Willensstärk[21]. Was für ein wunderbares Bild der christlichen Persönlichkeit! Eine Reife, die persönliche Entscheidungen aus innerer Freiheit heraus treffen lässt, mit dem Verantwortungsbewusstsein dessen, der Rechenschaft darüber ablegen kann. Feste Überzeugungen, die sich auf eine tiefe Kenntnis der christlichen Lehre stützen, die in Vorträgen, Unterrichten, Büchern und persönlicher Reflexion gewonnen wurde. Besondere Bedeutung kommt dem Beispiel anderer zu, denn « die wahren Sternbilder unseres Lebens sind die Menschen, die recht zu leben wussten »[22].

Dies alles geht zusammen mit Feingefühl, das sich in Liebenswürdigkeit anderen gegenüber äußert, und einem erzogenen Willen, der ermöglicht, ein tugendhaftes Leben zu führen. Ein „Mensch mit eigenem Urteilsvermögen“ fragt sich in den verschiedenen Lebenssituationen: Was erwartet Gott von mir? Er bittet den Heiligen Geist um Licht, führt sich das zuvor Erkannte vor Augen, berät sich mit dem, der dazu in der Lage ist, und handelt dementsprechend.

Eine Frucht der Liebe

So verstanden ist das richtige Verhalten, das sich darin äußert, die Gebote mit innerer Überzeugung zu befolgen, eine Frucht der Liebe, die uns verpflichtet, das Gute zu suchen und zu tun. Diese Liebe geht weit über Gefühle hinaus, die als solche flüchtig und schwankend sind. Sie ist unabhängig von momentanen Stimmungen, von Lust und Laune. Vielmehr setzt lieben und geliebt werden voraus, sich zu schenken. Die Motivation dafür liegt in der wunderbaren Gewissheit des Herzens, von Gott geliebt zu sein, und in den großen Idealen, für die es sich lohnt, die Freiheit einzusetzen. In der frei gewählten Hingabe erneuert die Freiheit immer wieder die Liebe; und sich erneuern heißt immer jung sein, mit einem weiten Herzen, zu großen Idealen und großen Opfern fähig.[23]

Die christliche Vollkommenheit beschränkt sich nicht auf die Erfüllung einiger Normen und auch nicht auf die Entwicklung der Fähigkeit, sich selbst zu überprüfen und wirksam zu sein. Sie drängt vielmehr dazu, Gott die eigene Freiheit zu schenken und mit Hilfe seiner Gnade der Einladung zu entsprechen: „Komm und folge mir![24]. Es geht darum, nach dem Geist zu leben[25], aus Liebe den Wunsch zu haben, den Mitmenschen zu dienen. Dann versteht man, dass das Gesetz Gottes der vorzüglichste Weg ist, diese Liebe zu leben, die man frei gewählt hat, dass es nicht um die Erfüllung von Regeln geht, sondern darum, sich mit Jesus zu verbinden, sein Leben zu teilen und wie er liebevoll dem Willen des Vaters zu gehorchen.

Ohne Perfektionismus

Die Bemühung, in den Tugenden zu wachsen, darf nicht narzisstisch oder perfektionistisch sein. Wir kämpfen aus Liebe zu Gott, unserem Vater, auf ihn schauen wir, nicht auf uns selbst. Den möglichen Hang zum Perfektionismus müssen wir von uns weisen. Er könnte auftauchen, wenn wir unseren inneren Kampf auf Wirksamkeit, Präzision und Erfolg ausrichten würden, die in einigen Berufsfeldern sehr angesagt sind, dem christlichen Lebensstil aber nicht entsprechen, denn die Heiligkeit besteht im Wesentlichen darin, Gott zu lieben.

Reife führt außerdem dazu, den Wunsch nach rechtem Tun und Lassen mit den Begrenzungen, die wir in uns selbst und in anderen feststellen, in Einklang zu bringen. Ab und zu kann man den Drang verspüren, mit dem hl. Paulus zu sagen: „Ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will (das Gute), sondern was mir verhasst ist (das Böse).Ich unglückseliger Mensch! Wer erlöst mich von diesem todgeweihten Leibe?“[26]. Aber wir werden den Frieden nicht verlieren, denn Gott sagt uns ebenso wie dem Apostel: „Meine Gnade genügt dir[27]. Dann sind wir dankbar und voller Hoffnung, denn der Herr rechnet mit unseren Begrenztheiten. Gerade sie sollen uns bewegen, umzukehren und seine Hilfe zu suchen.

Und hier findet der Christ wieder eine Stütze in der ersten Antwort Jesu an den jungen Mann: „Nur einer ist gut[28]. Wir, die Kinder Gottes, leben von seiner Güte. Er gibt uns die Kraft, unser ganzes Leben nach dem auszurichten, was wirklich wertvoll ist: das Gute kennen und lieben, und uns einsetzen für die Sendung, die er uns anvertraut hat.

J.M. Barrio ‒ R. Valdés

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[1] Mk 10, 17.

[2] Mk 10, 18.

[3] Hl. Johannes Paul II, Enz. Veritatis splendor (6-VIII-1993), Nr.9, s. Mt 22, 37.

[4] Mt 19, 17.

[5] Vgl. Mk 10, 20.

[6] Mt 19, 18.

[7] Mt 19, 18-19.

[8] Hl. Johannes Paul II., Enz. Veritatis splendor, Nr.13

[9] Vgl. in: Ioannis Evangelium Tractatus, 41, 9-10 (zit. in Veritatis splendor, Nr.13).

[10] Mk 10, 21

[11] Ibidem.

[12] Vgl. Der Weg, Nr. 337.

[13] Mt 19, 17

[14] Ps 8 (119), 32.

[15] Gal 5, 1

[16] Joh 17, 3.

[17] Hl. Johannes Paul II., Enz. Veritatis splendor, Nr.16

[18] Röm 12, 2.

[19] Ibidem.

[20] Der Weg, An den Leser.

[21] Gespräche, Nr. 93

[22] Benedikt XVI, Enz. Spe Salvi (30-XI-2007), Nr. 49.

[23] Freunde Gottes, Nr. 31.

[24] Mk 10, 21.

[25] Vgl. Gal 5, 16.

[26] Röm 7, 15.24.

[27] 2 Kor 12, 9.

[28] Mt 19, 17.