Erziehung zur Schamhaftigkeit (I) - Die Kindheitsjahre

Der Sinn für die Scham entwickelt sich im Menschen in dem Maße, als er allmählich seine eigene Intimität entdeckt. Die Achtung, die jede Person für sich selbst haben muss, erlernt man hauptsächlich in der Familie. Einige Anregungen in diesem Artikel.

Familienleben

Was ist Schamhaftigkeit? Auf den ersten Blick ist sie ein Schamgefühl, das uns veranlasst, den anderen keinen Einblick in unseren Intimbereich zu geben. Viele meinen, es handle sich dabei bloß darum, mehr oder weniger spontan ein unanständiges Verhalten zu vermeiden, und es gibt auch einige, die sie mit Scheinheiligkeit verwechseln.

Diese Auffassung ist jedoch zu kurz gehalten. Das lässt sich leicht feststellen, wenn wir bedenken, dass die Schamhaftigkeit überall dort überflüssig wird, wo es keine Persönlichkeit und Intimität gibt. Die Tiere haben kein Schamgefühl.

Die Schamhaftigkeit hat aber nicht nur mit schlechten und unanständigen Sachen zu tun. Es gibt auch ein Schamgefühl in Bezug auf gute Dinge, wie zum Bespiel eine natürliche Zurückhaltung, die empfangenen Gaben bekannt zu geben.

Die als Gefühl verstandene Schamhaftigkeit ist von unschätzbarem Wert. Sie besagt nämlich sich bewusst zu sein, dass man eine Intimsphäre besitzt und nicht bloß ein öffentliches Leben. Es gibt aber auch eine echte Tugend der Schamhaftigkeit, die aus dem erwähnten Gefühl hervorgeht und dem Menschen die Möglichkeit gibt selbst zu entscheiden, wann und wie er sein eigenes Wesen jenen Personen gegenüber öffnet, die es verdienen, es anzunehmen und zu verstehen.

Der Wert der eigenen Intimsphäre

Die Schamhaftigkeit ist aus anthropologischer Sicht sehr wertvoll: sie schützt den Intimbereich des Mannes oder der Frau – die kostbarste Seite ihres Wesens -, um ihn zum richtigen Zeitpunkt, in angemessener Weise, auf anständige Art und unter den geeignetsten Begleitumständen offenbaren zu können.

Andernfalls würde sich der Mensch der Gefahr aussetzen, schlecht oder zumindest nicht mit der ihm gebührenden Rücksicht behandelt zu werden. Auch für einen selbst ist das Schamgefühl notwendig, um die Selbstachtung, die ein wichtiger Wesenszug der Selbstliebe ist, zu erlangen und zu bewahren.

Man kann sagen: „Mit der Schamhaftigkeit bekundet der Mensch gleichsam instinktiv die Notwendigkeit der Bestätigung und Annahme dieses Ichs entsprechend seinem wahren Wert“1. Das Fehlen der Schamhaftigkeit zeigt, dass man die eigene Intimsphäre für wenig kostbar oder wichtig hält, und es daher nichts an ihr gibt, was es verdienen würde, für einige Personen vorzubehalten zu sein und für andere nicht.

Das Schöne der Schamhaftigkeit

Der Begriff Schamhaftigkeit – egal ob wir sie als Gefühl oder als Tugend verstehen – kann sich auf unterschiedliche Bereiche beziehen. Streng genommen ist damit das Verhüllen des Leibes gemeint; im weiteren Sinn gehören auch andere Bereiche der Intimsphäre dazu, wie zum Beispiel das Zeigen der eigenen Gefühle. Im einen wie im anderen Fall bewahrt die Schamhaftigkeit letztlich das Geheimnis des Menschen und seiner Liebe2.

Man kann sagen, die Schamhaftigkeit zielt im Grunde genommen darauf ab, dass die anderen alles an uns anerkennen, was zu unseren ganz persönlichen Dingen gehört. Bezogen auf den Körper heißt das, auf alles zu achten, was das Einmalige und Besondere jedes Menschen erkennen lässt (das Gesicht, die Hände, der Blick, die Gebärden ...). Genau in diesem Sinn dient die Kleidung der Möglichkeit sich mitzuteilen. Sie soll außerdem das Bild widerspiegeln, das jeder von sich selbst hat, und die Achtung ausdrücken, die wir den anderen entgegenbringen. Die Eleganz und der gute Geschmack, die Sauberkeit und die Art, wie man sich herrichtet, sind so etwas wie die ersten Äußerungen der Schamhaftigkeit. Sie verlangen danach, von den Menschen in unserer Umgebung beachtet zu werden (und zeigen es auch selbst). Aus dem gleichen Grund führen mangelhafte Tugenden in diesem Bereich leicht dazu, ungehobelt zu sein und die Körperpflege zu vernachlässigen. Der Prälat des Opus Dei hat bei verschiedenen Gelegenheiten dazu aufgerufen, „die Schamhaftigkeit zu leben und zu verteidigen, dazu beizutragen, eine Mode schaffen und zu verbreiten, die auf die Würde Rücksicht nimmt, und gegen Modevorschriften zu protestieren, die den Wert echter Schönheit nicht berücksichtigen“3.

Etwas Ähnliches geschieht mit der eher geistigen Seite: diese Tugend schafft Ordnung in unserem Inneren entsprechend der Würde der Menschen und den Bindungen, die zwischen ihnen bestehen4. Das Berücksichtigen der eigenen Intimsphäre und der der anderen ermöglicht es, sich den anderen im richtigen Maß erkennen zu geben abhängig von den verschiedenen Begleitumständen der Zuwendung oder der Beziehung, in denen wir uns bewegen. Auf diese Weise werden die persönlichen Beziehungen menschlicher, weil es in jeder von ihnen feine Unterschiede gibt; das macht einen nicht nur anziehender, sondern es ermöglicht auch in dem Maß, in dem Teilbereiche der Intimsphäre miteinander geteilt werden, das Glück einer echten Freundschaft zu erleben.

Bei der Erziehung zur Schamhaftigkeit ist es daher sehr wichtig, auf die vorwiegend positive Bedeutung dieser Tugend hinzuweisen. „Die Schamhaftigkeit, grundlegender Bestandteil der menschlichen Persönlichkeit, kann auf der Ebene des Sittlichen als das wachsame Bewusstsein angesehen werden, welches die Würde des Menschen und die echte Liebe wahrt“5. Wenn man den tiefen Sinn der Schamhaftigkeit erklärt (das Bewahren der eigenen Intimsphäre, um sie dem anbieten zu können, der sie wirklich zu schätzen weiß), ist es leichter, ihre praktischen Folgen anzunehmen und sie sich anzueignen. Dann besteht das Ziel nicht so sehr darin, dass die Jugendlichen auf diesem Gebiet bestimmte Verhaltensregeln einhalten, sondern dass sie die Schamhaftigkeit als etwas schätzen und annehmen, das ganz tief im Wesen des Menschen vorhanden ist.

Das Beispiel der Eltern und die Familienatmosphäre

Wie wir alle wissen, ist das gute Beispiel immer ein wesentlicher Teil der Erziehungsarbeit. Wenn die Eltern und andere ältere Personen, die wie die Großeltern möglicherweise in der selben Wohnung leben, im Umgang miteinander den Anstand bewahren, begreifen die Kinder, dass diese Äußerungen des Feingefühls und der Schamhaftigkeit die Würde der verschiedenen Familienangehörigen ausdrücken. Zum Beispiel dürfen und sollen die Eltern ihre gegenseitige Zuneigung vor den Kindern zeigen, aber sie sollen auch wissen, welche Liebkosungen sie für die Zeiten des intimen Zusammenseins aufbewahren sollen. Darauf bezog sich der heilige Josefmaria, als er an die häusliche Atmosphäre erinnerte, die seine Eltern schufen: Vor den anderen erwiesen sie sich auch keine Zärtlichkeiten – ausgenommen manchmal einen Kuss. Seid vor euren Kindern schamhaft6. Es geht nicht darum, die Liebe hinter einer Maske der Gefühlskälte zu verbergen, sondern den Kindern die Notwendigkeit eines eleganten Umgangs zu zeigen, der nichts mit einem gezierten Gehabe zu tun hat.

Doch die Ausdrucksformen einer gesunden Schamhaftigkeit hören hier nicht auf. Der vertraute Umgang in einer Familie ist vereinbar mit dem Wissen, wie man sich in einer der eigenen Würde entsprechenden Weise zuhause verhalten soll. Ein allzu lockeres Verhalten oder eine zu lässige Kleidung, wie etwa den Morgenmantel ständig zu tragen oder sich vor den Kindern umzukleiden, führt schließlich dazu, den guten menschlichen Ton im Haus zu verringern und sich gehen zu lassen. Besonders in der heißen Jahreszeit muss man darauf achten, weil das warme Wetter, die leichtere Bekleidung und vielleicht auch der Umstand, in den Ferien zu sein, der Nachlässigkeit Tür und Tor öffnen können. Sicherlich verlangen die Umstände und der Ort nach einer entsprechenden Kleidung, aber der Anstand lässt sich immer bewahren. Gelegentlich kann so eine Verhaltensweise im Widerspruch zu den allgemeinen Gepflogenheiten stehen: auch deshalb muss eure Formung stark sein, damit ihr eure eigene Atmosphäre mit Natürlichkeit in eure Umgebung hineintragt und ihr »euren Ton« vermittelt.7

Da die Schamhaftigkeit vor allem mit dem Enthüllen der Intimsphäre zu tun hat, ist es verständlich, dass die Erziehung dazu die Gedanken, Gefühle und Absichten mit einbeziehen muss. Das zuhause vorgelebte Beispiel muss daher auch die Art des Umgangs mit der eigenen Intimsphäre und jener der anderen berücksichtigen. Es trägt beispielweise nicht sehr zur Erziehung bei, wenn in Familienunterhaltungen vertrauliche Dinge anderer besprochen werden oder wenn darüber hergezogen wird. Abgesehen von möglichen Verstößen gegen die Gerechtigkeit, die ein derartiges Verhalten bedeuten könnte, führen solche Kommentare dazu, dass die Kinder meinen berechtigt zu sein, sich in die intimen Angelegenheiten anderer einzumischen.

Ebenso wichtig ist es darauf zu achten, was über die verschiedenen Medien in unser Haus gelangt. Bei dem hier behandelten Thema geht es nicht nur um unsittliche Dinge, die klarerweise immer zu vermeiden sind. Viel versteckter ist die Art, wie einige Fernsehprogramme oder Zeitschriften aus dem Leben der Menschen ein Geschäft und ein Spektakel machen. Gelegentlich geschieht das auf so aufdringliche Weise, dass es gegen die Berufsethik der Redakteure verstößt. Andere Male sind es die daran beteiligten Personen selbst, die sich unsittlich verhalten und beabsichtigen, die schamlose oder sogar krankhafte Neugier zu befriedigen. Christliche Eltern müssen die geeigneten Mittel einsetzen, damit diese „Geschäftemacherei mit der Intimsphäre“ nicht in ihr Haus gelangt. Und sie müssen dieses Vorgehen begründen: es geht um die Anerkennung und das Recht auf die berechtigte Entscheidung, der zu sein, der man ist; sich nicht der Schaustellung auszuliefern, sondern die Freuden, Sorgen und Schmerzen nicht über den Kreis der Familie hinausdringen zu lassen.8 Die Entschuldigung, die üblicher Weise für diese Art von Programmen vorgebracht wird, das Recht auf Information oder die Zustimmung derer, die daran beteiligt sind, haben ihre Grenzen; es sind jene, die durch die Würde des Menschen vorgegeben sind. Sie in ungerechter Weise zu verletzen ist niemals moralisch, auch wenn es der Betroffene selbst ist, der es tut.

Von Kindheit an

Beim Menschen erwacht das Schamempfinden in dem Maß, in dem er die eigene Intimsphäre entdeckt. Kleinkinder lassen sich hingegen oft von der augenblicklichen Empfindung mitreißen; deshalb vernachlässigen sie in einem vertrauten Umfeld oder beim Spielen leicht die Schamhaftigkeit, möglicher Weise sogar ohne sich dessen besonders bewusst zu sein. Die Erziehungsarbeit muss daher schon in der frühesten Kindheit darauf ausgerichtet sein, Verhaltensweisen beizubringen, die es später leichter machen diese Tugend zu entfalten. So ist es zum Beispiel sehr angebracht, dass sie sehr bald lernen, sich selbst zu waschen und anzukleiden. Und bevor dieses Ziel nicht erreicht ist, sollte man versuchen, dass das Kind in diesen Augenblicken von den Geschwistern nicht gesehen werden kann. Sie sollen sich auch daran gewöhnen, sofern es möglich ist, die Tür ihres Zimmers während des Umkleidens zu schließen und den Riegel vorzuschieben, wenn sie auf die Toilette gehen.

Es handelt sich um Dinge des gesunden Menschenverstandes, auf die wir in unserer stark zu naturalistischen Verhaltensweisen neigenden Gesellschaft vielleicht vergessen haben, und ihr Ziel besteht darin, den Kleinen Gewohnheiten beizubringen, die sie vernunftmäßig annehmen. Das wir es ihnen leichter machen, in der Zukunft wirklich tugendhaft zu leben. Wenn also ein Kind gelegentlich ohne auf die Schamhaftigkeit zu achten auftaucht oder im Haus herumläuft, sollte man daraus kein Drama machen und sich auch nicht darüber lustig machen, – das kann man tun, wenn das Kind nicht mehr da ist. Es ist jedoch angebracht, es liebevoll zurechtzuweisen und ihm zu sagen, dass es sich nicht gut benommen hat. Alle Fragen der Erziehung sind wichtig, auch wenn es Themen gibt, die an sich bedeutungslos scheinen oder in diesem Alter keine Bedeutung haben.

Die Kinder müssen ebenfalls lernen, die Intimsphäre der anderen zu achten. Sie kommen als Egozentriker auf die Welt und erst nach und nach „entdecken“ sie, dass die anderen nicht für sie da sind und ein Recht darauf haben, so behandelt zu werden, wie es ihnen angenehm ist. Dieses schrittweise Vorangehen kann aus vielen Kleinigkeiten bestehen: man bringt ihnen bei, an der Tür zu klopfen – und natürlich auf die Antwort zu warten –, bevor sie einen Raum betreten; oder man sagt ihnen, dass sie das Zimmer verlassen sollen, wenn sie dazu aufgefordert werden, weil die Erwachsenen etwas allein besprechen möchten. Man muss auch den für dieses frühe Alter typischen Drang zügeln, die Kästen und die persönlichen Dinge der anderen, die in der Wohnung leben, zu durchforschen. Auf diese Weise gewöhnen sie sich daran, die Privatsphäre der anderen zu achten und gleichzeitig ihre eigene zu entdecken. Und es werden die Grundsteine gelegt, dass sie, wenn sie wachsen, nicht bloß fähig sind, die Menschen als das zu achten, was sie sind – Kinder Gottes -, sondern auch selbst jenes gute Schamgefühl zu besitzen, das die tiefinneren Dinge der Seele für die innige Beziehung zwischen dem Menschen und seinem Vater Gott vorbehält, zwischen dem Kind, das die Absicht haben muss, ganz Christ zu sein, und der Mutter, die es immer umarmt9.

J. De la Vega

1 Vgl. hl. Johannes Paul II., Generalaudienz, 19.12.1979.

2 Vgl. Katechismus der katholischen Kirche, Nr. 2522.

3 Bischof Javier Echevarría, öffentliches katechetisches Beisammensein in Las Palmas de Gran Canaria, 7.2.2004.

4 Vgl. Katechismus der katholischen Kirche, Nr. 2521.

5 Kongregation für das katholische Bildungswesen, Orientierung zur Erziehung in der menschlichen Liebe, Nr. 90.

6 Aufzeichnung von einer Predigt des hl. Josefmaria, in Salvador Bernal, Msgr. Josemaría Escrivá de Balaguer, S. 31.

7 hl. Josefmaria Escrivá, Der Weg, Nr. 376.

8 hl. Josefmaria Escrivá, Christus begegnen, Nr. 69.

9 hl. Josefmaria Escrivá, Artikel La Virgen del Pilar, in „El libro de Aragón“.