Advent zwischen Hast und Hoffnung

Eine Betrachtung von Josef Arquer

Betrachtungen zum Kirchenjahr

Der Erdenlauf um die Sonne markiert die Geschichte unseres Lebens: Aus dem Kreis machen wir eine Linie, Jahr um Jahr länger. Dabei heißt unsere Erwartung Langlebigkeit; sie richtet sich jedes Mal auf das neue Jahr, das unsere Linie verlängern soll, nicht auf das Ende. Vom Glauben her machen wir aus der Linie der Geschichte Gottes auf Erden einen Kreis: Die Entfaltung des Christusgeheimnisses in uns, im Laufe des Kirchenjahres. Wir entziehen uns damit dem rein Naturhaften, dem Kreisen der Gestirne. Christus ist die Mitte unserer inneren Bewegung. Hier geht es nicht um unbestimmtes Warten, sondern um eine Erwartung, die Hoffnung ist – Hoffnung auf Vollendung.

Erwartung ist ein schönes Wort, das nach gespannter innerer Stille klingt. Doch fällt es schwer, die Tage des Advents mit diesem inneren Anspruch zu erfüllen: Weihnachtsgrüße, Besorgungen, Hektik ...

Es ist nicht leicht, sich dem äußeren Gedränge zu entziehen. Ein erster kleine Schritt zur Befreiung aus dem Getümmel um uns könnte sein: sich in heiterem Staunen fragen, wieso die adventliche Vorbereitung auf die „Stille Nacht“ soviel Trubel verlangt. Dies wären ein Anfang der Besinnung und eine Festigung der Hoffnung, die auf Gott baut.

In Macht und Herrlichkeit

Zu Beginn des Advents ist die Kirche noch nicht bei der Stillen Nacht angelangt. Zuvor lässt sie uns im Sonntagsevangelium das „Ende“ betrachten, das sie „Vollendung“ nennt: die Wiederkunft des Herrn. Sie gehört – nicht weniger als Weihnachten – zur Substanz des Glaubens, lässt sich aber nicht so leicht vom Gefühl verarbeiten. Die stimmungsvoller Bilder versagen hier. Die Wiederkunft Christi in Macht und Herrlichkeit ist – in Umkehrung der natürlichen Folge von Ursache und Wirkung – gleichsam die Ursache von Weihnachten, von der Menschwerdung. Auch sie hat mit dem Geheimnis einer Stillen Nacht zu tun, denn der Herr wird kommen „wie ein Dieb in der Nacht“.

Denn Advent ist eine Zeit der Hoffnung. Der Adventkranz macht diese Hoffnung im Symbol des zunehmenden Lichtes geradezu sichtbar. Sich diesem Licht aussetzen heißt zuerst, sich der Schatten bewusst zu sein, die das eigene Leben von innen her verdunkeln. Nicht von uns kommt die Hoffnung auf Erfüllung, sondern von Gott. Es gilt vor allem, sich Zeit für das Gebet zu nehmen. Und es heißt auch, sich zu vergegenwärtigen, dass der Herr, dessen Kommen wir erwarten, immer da und immer im Kommen ist. Mit einem Wort des heiligen Josefmaria: „Advent. Wie sehr drängt uns diese Zeit, unsere Erwartung, unsere Sehnsucht, unser aufrichtiges Verlangen nach dem Kommen Christi zu erneuern! Und Er kommt ja jeden Tag in deine Seele, in der Eucharistie! - „Ecce veniet! – Siehe, Er kommt bald!, so ruft uns die Kirche zu.“ (Im Feuer der Schmiede, 548)

Die Erde soll selbst Himmel werden

Nach Thomas von Aquin lehrte uns der Herr die Hoffnung, als er uns sein Gebet lehrte. Kardinal Ratzinger kommentiert das so: „Das Vaterunser ist Schule der Hoffnung - ihre konkrete Einübung. (...) Ein verzweifelter Mensch betet nicht mehr, weil er nicht mehr hofft; ein seiner selbst und seiner Macht sicherer Mensch betet nicht, weil er sich nur auf sich selber verlässt. Wer betet, hofft auf eine Güte und eine Macht, die über sein eigenes Vermögen hinausgehen. Gebet ist Hoffnung im Vollzug. (...) All unsere Hoffnungen münden in der einen Hoffnung: Dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Die Erde werde wie der Himmel, sie soll selbst Himmel werden. In seinem Willen steht all unsere Hoffnung.“ Und der jetzige Papst rundet den Gedanken mit einem Wort, das manche feinsinnige Menschen zum Richtschnur ihres Lebens gemacht haben: „Betenlernen ist hoffenlernen und ist darum lebenlernen.“ (Ratzinger, Auf Christus schauen, S. 26)