Stephan Puhl: Mein Dank dem Gekreuzigten

Zum 10. Todestag am 15. Oktober 2007 stellen wir sein geistliches Testament vor

Personal testimonies

Einleitung von Horst Hennert

Auch zehn Jahre nach seinem Tod ist das Andenken an Stephan Puhl (1941–1997) bei seinen Freunden und Kollegen lebendig. Seine Persönlichkeit, gekennzeichnet von einem tiefen Glauben, einer unerschütterlichen Loyalität zur Kirche und seiner fachlich immer kompetenten Arbeitsweise, hat bei allen, die ihm im Laufe seines Lebens begegnet sind, bleibende Eindrücke hinterlassen. Auch haben ihn starke Charaktere entscheidend geprägt, wie der heilige Josefmaria, dem er mehrmals persönlich begegnet ist, oder Papst Johannes Paul II. und die selige Mutter Teresa, die er einmal in Kalkutta in ihrem Kloster traf.

Stephan Puhl erzählte über einen dienstlichen Besuch im Jahre 1983 bei Mutter Teresa in ihrem Kloster in Kalkutta: An vielen Bildern und Türen waren 'Stoßgebete' zu lesen, wie er es vom hl. Josefmaria kannte. Die kurzen, in die Augen springenden Texte sollen den Betrachter an die Gegenwart Gottes erinnern.

Und zu dieser Fotografie mit der sel. Mutter Teresa: Er hatte sich bereits von ihr verabschiedet. Das Foto entstand, als sie eigens zu ihm kam, um ihm noch etwas zu sagen. Er saß in einer Kapelle. Sie stand neben ihm. Dass ihrer beider Köpfe dabei auf gleicher Höhe waren, hat ihn berührt.

Es passte zu seiner wirklichkeitsnahen Sicht der Dinge, auch seiner eigenen Krankheit nicht auszuweichen. Als er Ende 1996 zusammen mit Bischof Kamphaus seine letzte Reise nach China als zuständiger Abteilungsleiter von Misereor unternahm, merkte er die ersten Anzeichen von Muskelschwäche in einem Arm. Als er Anfang 1997 die Diagnose „ALS“ – amyotrophe Lateralsklerose vom bulbären Typ – von der Kölner Universitätsklinik erhielt, wollte er den genauen Verlauf dieser neurologischen Erkrankung bis zum Tode wissen, um sich selbst und seine Umgebung bestmöglichst darauf einzustellen. Von Aachen aus, wo er seit 25 Jahren bei Misereor tätig war, zog er in ein Zentrum des Opus Dei nach Köln um.

Während eines Studienjahres in Madrid hatte er die Personalprälatur kennen gelernt und sich ihr mit 21 Jahren als ehelos lebendes Mitglied angeschlossen. In Bonn und Aachen war er über viele Jahre neben seiner beruflichen Arbeit in der Leitung von Zentren tätig. Jetzt war er selbst zunehmend auf die Hilfe von Mitgliedern des Werkes angewiesen. Für diese Hilfe war er in den folgenden Monaten zutiefst dankbar, weil sie sich nicht nur auf seine umfassender werdenden physischen Bedürfnisse erstreckte, sondern weil er auch alle geistlichen Hilfen erfuhr. Bis zu seinem Lebensende konnte er täglich an der Heiligen Messe teilnehmen, Zeit und Ruhe zum Beten finden, das Sakrament der Buße empfangen, so wie er es als Mitglied des Werkes zeitlebens praktiziert hatte.

Ihm blieb das Ringen um die gottergebene Annahme seines immer näher rückenden Todes nicht erspart. In besonders schwierigen Phasen seiner Krankheit halfen ihm entscheidend mehrere Besuche von Bischof Javier Echevarría, dem Prälaten des Opus Dei, der sich im Sommer 1997 mehrere Wochen in Deutschland aufhielt. Er bestärkte Stephan Puhl darin, seine Krankheit aufzuopfern und sich mit Christus am Kreuz zu vereinen und so an der Erlösung mitzuwirken.

Wie sehr ihm das gelungen ist, dokumentiert sein letztes Zeugnis, das er in vielen Sitzungen nur mit größter Mühe und mit Hilfe eines speziellen Computers im August zu Papier bringen konnte, als er schon nicht mehr sprechen konnte. Nach seinem Tod am 15. Oktober 1997 haben viele seiner Freunde und Bekannten dieses „geistliche Testament“ gelesen. Sein überzeugendes Leben und Sterben als Christ hat viele beeindruckt. Das zeigte sich nicht nur in den zahlreichen Besuchen und Briefen, die er erhielt, sondern auch in der großen Anteilnahme an seinem Begräbnis, zu dem neben einigen Bischöfen vor allem seine Arbeitskollegen kamen, die ihn während seiner Tätigkeit bei Misereor als ein überzeugendes christliches Vorbild kennengelernt hatten.

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Mein Dank dem Gekreuzigten

Mein Gott, Du hast es nie für nötig befunden, Deine Gottheit eifersüchtig vor jeder menschlichen Einsicht hinter einem undurchdringlichen Schleier des Numinosen zu verbergen. Du hast vielmehr den Menschen mit einer Vernunft begabt, die ihn mit der Würde ausstattet, sich mit allen Kräften Dir zu nähern und nicht bei dem Bild des Göttlichen gefesselt zu bleiben, in welchem das Faszinosum und das Tremendum alleiniger und somit zwanghafter Rahmen jeglicher Gotteserfahrung durch Menschen bleibt.

Mein Gott, durch die Menschwerdung des Logos und seine Frohe Botschaft hast Du uns allen ermöglicht, nicht nur in jedem Menschen das Antlitz Gottes zu erkennen und somit die tiefste Ursache für seine einzigartige Würde in der gesamten Schöpfung zu ergründen, sondern Du hast bis auf die Sünde, an welcher der Menschgewordene keinen Anteil hatte, alles Menschliche unabhängig von allen konventionellen Einstufungen ein für alle Mal geadelt durch einen soteriologischen Rang, der zwar von seinem Träger verkannt oder verspielt werden, ihm aber von keiner Autorität auf Erden abgesprochen werden kann.

Du hast mir lange, bevor ich in die Hände von Neurologen fiel oder gar von ihnen die vernichtende Diagnose ALS erhielt, die unerklärliche Gewißheit geschenkt, eine Krankheit zu haben, die irreversible Systemschäden in meinem Körper verursacht und letztlich tödlich ist. Dank dieser rechtzeitigen Frühwarnung hatte ich den unschätzbaren Vorteil, nicht nur mich, sondern vor allem die Menschen meiner näheren Umgebung auf das vorbereiten zu können, was mir unausweichlich bevorstand.

Es kam der Augenblick, in dem ich anfing, mit Gott zu hadern: Muß und kann es denn sein, daß Du Dich mir und meiner Umgebung dadurch in Deiner liebenden Allmacht und Güte erweist, daß Du mich als ein zuckendes und nicht mehr artikulationsfähiges Bündel über Monate dahinvegetieren läßt – nur noch eine Last für meine Nächsten und für mich und mit der einzigen Perspektive, an meinem Schleim oder Erbrochenen zu ersticken, sobald meine Atemmuskulatur genügend geschwächt ist, um nicht mehr allen Unrat abzuhusten? Solche mit Auflehnung und Vorwürfen angehäuften Gedanken, die heutzutage unzählige Male angesichts eigenen oder fremden Leids in den unterschiedlichsten Variationen laut ausgesprochen werden, entbehren nicht einer gewissen Logik. Und doch schäme ich mich ihrer angesichts des Kruzifixes, das meinem Bett gegenüber an der Wand hängt, so daß ich es Tag und Nacht ständig vor Augen habe.

Warum ich mich schäme? Weil ich ganz offenkundig die Lektion, die Du mir mein Leben lang erteilt hast, nicht begriffen habe. Du am Kreuz kannst Dich absolut nicht bewegen. Und doch ist es gerade diese äußere Untätigkeit Deiner Passion – im wörtlichsten Sinne der Bedeutung dieses Wortes –‚ durch die Du die ganze Welt erlöst hast. Du, der Gekreuzigte, hast in dieser vollkommenen Hilflosigkeit, die Dir Niedertracht und Verstocktheit der Menschen antaten, uns alle erlöst. Und noch etwas sagtest Du mir vom Kreuz herab. Dein ganzes Wirken in der Geschichte der Christenheit zeigt, daß Du, der Allmächtige, uns Menschen unsere Freiheit, die Du uns einmal gewährt hast, während unseres Lebens immer respektierst und nicht etwa wie ein wohlmeinender Despot in dem Augenblick kassierst, in dem Du siehst, daß wir mit diesem göttlichen Geschenk Schindluder treiben oder es gar gegen Dich und Deine Ordnung mißbrauchen. Dem entspricht auch, daß Maria ihre einzigartige Rolle als Deine Mutter und als Mutter der Kirche nicht durch ein markiges ‚Agam' oder ‚Faciam' erhielt, sondern durch ihr ‚Fiat'. Unser Tun ist zwar wichtig, wichtiger jedoch ist unser Hinhören auf Dich. Heiligung der Arbeit in der Nachfolge Christi ist keine christlich verbrämte Geschaftelhuberei, sie kommt vielmehr auch dann zum Vollzug, wenn der Mensch sich jeden Tuns enthalten muß und versucht, sich in seiner Krankheit und in seinen Leiden mit Dir und Deinem Erlösungswerk zu identifizieren. Ich muß freilich gestehen, daß ich nicht so beten kann wie Du im Garten Getsemani. Zwar akzeptiere ich meinen Tod, wann und wo Du ihn mir schickst. Aber es fehlt mir an der Bereitschaft, mich in das Wie des kommenden Todes zu fügen.

Im Juli war der Vater, der Prälat des Opus Dei, drei Wochen „zur Erholung“ in Solingen. In dieser Zeit hat er mich sieben oder acht Mal besucht. Beim vorletzten Mal war es, als wisse er um meine innere Neigung zur Auflehnung. Er sprach davon, daß der Gründer des Werkes bei bestimmten Situationen voller Widrigkeiten, in denen er nicht mehr ein noch aus wußte, zu dem Stoßgebet Zuflucht nahm: „Señor, estoy hasta las narices“. Dieser Stoßseufzer gefällt mir in meiner jetzigen Lage sehr gut. Ich habe ihn für mich übersetzt und ihm eine derbere Note gegeben und bete jetzt: ,‚Herr, ich habe die Schnauze gestrichen voll!“ und das sogar wortwörtlich.

Du hast mir in wochenlanger stiller Zwiesprache auch die Einsicht tiefer werden lassen, daß niemand als spiritueller Rambo ganz auf sich gestellt und nur den eigenen Kräften vertrauend leben kann. Und um so weniger, als der Betroffene jäh aus dem normalen Leben geworfen wurde und weder er noch seine Mitmenschen einen Rat wissen. Dies habe ich Jahrzehnte hindurch als beglückend und befreiend empfunden: Zugang zu einem geistlichen Raum zu haben, in dem ich meine Nöte, Sorgen, Vorhaben im inneren Leben mit jemandem teilen konnte, ohne Gefahr laufen zu müssen, daß solche Dinge breit getreten und als Rohstoff für hinterhältiges Gerede mißbraucht würden.

Du, der Gekreuzigte, bist im Neuen Bund der Prototyp stellvertretenden und vermittelnden Opfers und dadurch bewirkter Sühne vor Gott. Wir können durch unsere Nachfolge uns in diese geheimnisvolle Beziehung aktiv einschalten und den uns zukommenden Anteil am Kreuz tragen. Nicht darauf kommt es an, ob der uns treffende Teil an Leid und Schmerz von uns freiwillig ausgesucht worden wäre, entscheidend für uns ist, was wir freiwillig daraus zu machen verstehen. Wir können uns Dir anschließen – soweit unsere Kräfte dazu reichen – oder blicken nur auf uns selbst und verspielen die uns gewährte Gabe, aus der menschlich betrachtet schlimmen oder hoffnungslosen Lage das Beste zu machen. Für einen Christen sollte es das Beste sein, in jeder Lebenslage Gottes Nähe zu suchen und sich Deinem Erlösungswerk anzuschließen.

Das Opus Dei ist oft mit Argwohn und Unverständnis überhäuft worden, weil es sich zuweilen als Familie definiert. Hätte ich je die Zweifel daran geteilt, daß das Werk auch eine Familie ist, die Erfahrungen, die ich im Zusammenhang mit meiner Krankheit gemacht habe, hätten den letzten Schatten an Vorbehalten gründlich hinweggefegt. Der Vater hat mich in den Briefen an mich und vor allem bei den zahlreichen Besuchen an meinem Krankenbett mit einer Liebe und Herzlichkeit überschüttet, die man nur als väterlich apostrophieren kann. Ein Anderes ist die Pflege, die man mir in Köln angedeihen läßt und die weit davon entfernt ist, nur nüchtern abgearbeitete Punkte im Rahmen eines erteilten Auftrags zu sein. Ich bin rund um die Uhr in Begleitung, damit jemand zur Stelle ist, wenn ich einen Anfall von Atemnot habe. Die Nachtwachen schiebt ein erfahrener Profi. Ein junger Arzt hat zum ersten August seine Stelle als AiP [Arzt im Praktikum] vorzeitig aufgegeben. Drei der Leute, die mit mir zusammen in Maarhof wohnen, angesichts der Tatsache, daß ich nicht mehr transportfähig bin, haben kurzerhand auf ihre dreiwöchige Erholung in der Eifel verzichtet, um meine Pflege sicherzustellen.

Ich kann allen diesen Menschen aus meiner nächsten Umgebung meinen Dank kaum aussprechen, den ich für all das und für die täglichen kleinen Liebeserweise empfinde, wenn überhaupt, dann nur in sehr rudimentärer Weise zum Ausdruck bringen, was ich sehr bedauere, aber nicht ändern kann, und um so mehr erfüllt es mich mit Trost und Freude, daß ich Dir gegenüber immer meinen Dank aussprechen kann, ohne durch meine angeschlagene Physis in dieser Danksagung beeinträchtigt zu sein. Ich danke Dir also dafür, daß ich nach wie vor danken kann. Du nimmst auch in diesem Falle in Fortführung dessen, was Du am Kreuz vollendet hast, Deine Rolle als Vermittler und als Stellvertreter wahr, freilich mit einer völlig anderen Dimension – sozusagen im Kleinformat.

Meiner Erkrankung verdanke ich, daß ich ein überwältigendes Ausmaß an menschlicher Anteilnahme erfahren durfte. Gerade das Mitgefühl und das Gebet von Menschen aus dem beruflichen Umfeld gehören zu meinen schönsten Erinnerungen. Der Krankheit verdanke ich die Freundschaft mit zwei Ehepaaren aus dem Raum Frankfurt und Freiburg, die mit zu den Freundschaften gehören, die wie selbstverständlich tiefere Dimensionen umschlossen.

Köln, den 27. August 1997 (Erstpublikation: Kirche heute, 11/2001, S. 14f.)